Klinik für Chirurgie und Thoraxchirurgie

PD Dr. med. Paul Schneider, Chefarzt der Klinik für Chirurgie und Thoraxchirurgie der DRK Kliniken Berlin | Mitte
DRK Kliniken Berlin

4.4.1 Bösartiger Rippenfelltumor

Eingeatmete Asbestfasern können zur Entstehung von bösartigen Rippenfelltumoren (Malignes Pleuramesotheliom) führen.

Grundlagen

Jeder Lungenflügel ist von einem mikroskopisch dünnen Häutchen, dem Lungenfell (Pleura viszeralis), überzogen. Auch die Brustwand ist innen von einer derartigen Haut, dem Rippenfell, ausgekleidet. Diese dünne Haut produziert geringe Mengen von Flüssigkeit, die bei den Atembewegungen der Lunge innerhalb des Brustkorbs als Gleitmittel fungiert.

Asbestfasern, die über längere Zeit eingeatmet werden, setzen sich zunächst im Lungengewebe fest. Im Laufe der Zeit wandern sie in die Lungenoberfläche und durchdringen hier das Lungenfell, um sich im unmittelbar benachbarten Rippenfell abzulagern.

Im Rippenfell können diese Fasern unspezifische Entzündungsreaktionen und die Entstehung von knorpelartigen Auflagerungen auslösen. Zum anderen können die Asbestfasern, meist erst nach 20 bis 30 Jahren, zur Entstehung von bösartigen Rippenfelltumoren (Malignes Pleuramesotheliom) führen.

Das Tumorwachstum beginnt in Form kleiner Knoten, die sowohl das Rippen- wie auch das Lungenfell überziehen.

Im weiteren entwickelt sich eine flächige Tumorschwarte, die das gesamte Rippenfell überziehen kann und eine allmähliche, schmerzhaften Schrumpfung des Brustkorbs verursacht.

Meist bildet sich zusätzlich vermehrt Flüssigkeit zwischen Lunge und Rippenfell, was zu einer Kompression der Lunge führt.

In fortgeschrittenen Stadien kann das Tumorwachstum aus dem Brustkorb ausbrechen, in die Brustwand, in den Herzbeutel oder in den Bauchraum infiltrieren.

Da häufig eine berufliche Asbestexposition vorliegt, ist das maligne Pleuramesotheliom als berentungsfähige Berufserkrankung von den Berufsgenossenschaften (BG) anerkannt.

Gutartige Tumoren des Rippenfells sind außerordentlich selten.

Leitbeschwerden

Im Vordergrund der Befunde steht meist Luftnot und/oder Schmerzen. Oft leiden die Patienten auch unter hartnäckigem Husten.

Gewichtsverlust weist auf ein bereits fortgeschrittenes Krankheitsbild hin.

Derartige Beschwerden sollten dringend abgeklärt werden.

Erforderliche Untersuchungen

Eine Reihe von Untersuchungen sollen die Frage klären, ob eine komplette Entfernung des Tumors möglich ist.

Die körperliche Untersuchung und ein ausführliches Aufnahmegespräch stehen am Anfang jeder Abklärung.

Röntgenbilder inklusive einer Computertomographie der Lunge geben Auskunft über Lage und Größe des Tumors.

Mit einem flexiblen Glasfaserkabel (Bronchoskopie) werden Luftröhre und Bronchien gespiegelt.

Im Blut wird die Nieren- und Leberfunktion, die Gerinnung und die Blutbildung geprüft. Daneben wird auch nach sogenannten Tumormarkern gesucht, die bei bösartigen Tumoren erhöht sein können.

Die Ultraschalluntersuchung (Sonographie) des Bauchraumes soll verborgene Tochtergeschwülste aufspüren.

Mit speziellen Geräten messen wir die Lungen- und Herzfunktion. Vielleicht wird aber der Chirurg mit dem Patienten einfach ein paar Stockwerke Treppen steigen, um dessen Leistungsfähigkeit zu testen. Eine sehr einfache aber zuverlässige Untersuchung.

Durch eine Spiegelung der Brusthöhle (Thorakoskopie) in örtlicher Betäubung können Gewebeproben zur mikroskopischen Untersuchung aus dem Rippenfell entnommen werden.

Die Vorbereitung auf eine Operation erfordert eine enge Zusammenarbeit von Patient und dem betreuenden Team aus Ärzten, Pflegekräften und Krankengymnasten.

Konservative (nicht-operative) Behandlungsmöglichkeiten

Die Ergebnisse bei der Therapie des malignen Pleuramesothelioms sind sehr unbefriedigend. Dies gilt sowohl für die operative als auch für die konservative Behandlung.

Aufgrund der schlechten Durchblutung der Tumorschwarten ist die Wirkung von Chemotherapien sehr eingeschränkt. Unterschiedlichste Medikamente wurden hier untersucht, ohne dass entscheidende Erfolge erzielt werden konnten.

Derzeit werden Untersuchungen durchgeführt, ob die Gabe von Chemotherapeutika direkt in den Spalt zwischen Rippen- und Lungenfell bessere Ergebnisse bringt.

Auch die Strahlentherapie vermag das Tumorwachstum nur in Ausnahmefällen einzudämmen. Zur Behandlung auftretender Schmerzen kann die Strahlen­therapie jedoch gut Dienste leisten.

In der Hauptsache beschränkt sich die konservative Therapie auf die Linderung der Symptome Atemnot und Schmerzen (Sauerstoffgabe, Schmerzmittel).

Operationsverfahren

Die operative, radikale Entfernung der Tumorschwarten ist nur in Ausnahmefällen möglich. Dazu ist eine sehr ausgedehnte Operation mit kompletter Entfernung der Lunge gemeinsam mit dem Rippenfell notwendig. Zusätzlich werden Teile des Herzbeutels und des Zwerchfells entfernt.

In den meisten Fällen steht als Zielsetzung für ein Operation die Linderung von Symptomen im Vordergrund.

Durch die operative Reduzierung des Tumors im Bereich des Rippenfells lässt sich eine Reduzierung der Ergussbildung erzielen. So kann sich die komprimierte Lunge wieder ausdehnen.

Auch die Schmerzen im Bereich der Brustwand lassen sich durch eine solche Tumorschwartenentfernung (Dekortikation) beeinflussen.

Um in den Brustkorb zu gelangen, wird ein Schnitt seitlich unter dem Schulterblatt angelegt, der dem Verlauf der Rippen folgt. Üblicherweise wird die siebte und achte Rippe auseinandergespreizt und so der Zugang zur Brusthöhle geschaffen.

Bei dünnen Tumorschwarten lässt sich die Entfernung des Rippenfells eventuell auch minimalinvasiv in Videotechnik (Schlüssellochchirugie) durchführen. Die Verklebung (Verödung) des Rippenfells kann längere Zeit Linderung verschaffen. Der Vorteil dieser Methode liegt darin, dass nur einzelne kleine Schnitte notwendig sind und dass auf das schmerzhafte Spreizen der Rippen verzichtet werden kann.

Abschließend werden Schläuche (Drainagen) in die Brusthöhle eingelegt, die Wundsekret ableiten sollen. Der Brustkorb wird mit Nähten verschlossen.

Eine Verlängerung der Überlebenszeit ist allerdings durch diese Operations­verfahren nicht nachgewiesen.

Operationsdauer

1 bis 3 Stunden

Stationäre Behandlung nach der Operation

Zu Sicherheit wird der Patient auf der Intensivstation zumindest für eine Nacht überwacht. Bei minimalinvasiver Technik ist dies nicht erforderlich.

Nach der Operation ist vor allem die intensive Atemtherapie wichtig, um Sekret abzuhusten und die Lungenfunktion wieder zu normalisieren.

Von großer Bedeutung ist eine ausreichende Schmerztherapie. Hierzu werden unter anderem auch spezielle Schmerzkatheter (Periduralkatheter) im Bereich der Wirbelsäule eingesetzt.

Dauer des stationären Aufenthalts

1 bis 3 Wochen

Nachbehandlung

Nach Abschluss der chirurgischen Behandlung ist ein Kuraufenthalt (Anschlussheilbehandlung) in einer spezialisierten Kurklinik sinnvoll aber nicht zwingend notwendig.

Nachsorge

Im günstigsten Fall koordiniert der Hausarzt die notwendigen Kontrolluntersuchungen. Im Vordergrund steht die Behandlung der Symptome, ausreichende Schmerztherapie, gegebenenfalls auch Sauerstofftherapie. Apparative Untersuchungen (z. B. Ultraschall oder Röntgen) sind nur erforderlich, wenn sich der Zustand des Patienten verschlechtert.